66 Jahre kunterbunt und nicht normal
Der Niederdorlaer Carneval Club (NCC) feierte 2024/25 seine 66. Kampagne. Das närrische Treiben regierten Prinzessin Julia I. und Prinz Luis I. Das Motto lautete 66 Jahre Carneval kunterbunt und nicht normal. Elf Minuten nach Beginn öffnet Schatzmeisterin Corina Götz die Tür zum Einmarsch: Grüne Garde, Rote Garde, Prinzenpaar, Präsident und Elferrat ziehen ein. Nach dem Einmarsch verkrümelt sich der Elferrat. Alle haben zu tun. Die Bühne gehört der Show. Niederdorla Helau.
Zum Carneval der ersten Kampagne vor 66 Jahren notierte die Niederdorlaer Chronik: "Der Faschingsverein musste sein Programm zweimal wiederholen." Als der aktuell dritte Präsident des NCC das erfuhr, fragte Jens Rauch: "Warum musste das Programm wiederholt werden?" Die Chronik lässt den Grund ja offen. Voller Stolz und Vertrauen heißt die Antwort: "Weil das Programm so gut war." Es gibt Gründe für dieses Vertrauen.
Jens Rauch feierte dieses Jahr sein 40. Bühnenjubiläum. Ein dreifach donnerndes Niederdorla Helau.
Auch der Verein vor 66 Jahren war der Faschingsverein von Niederdorla. Und auch vor 66 Jahren spielte die Schenke mit. Die Bühne ist klein, die Akteure füllen die Bühne aus, das Publikum ist ganz nah. Und direkt vor der Bühne drückt der ganze NCC die Daumen für die Akteure auf der Bühne. Das bedeutet das Motto des Vereins: "Wir sind alle eine Familie."
Und auf der Bühne explodiert ein Programm nach dem zweiten Motto des Vereins: "Varieté statt rheinischem Tam Tam." Jens Rauch prägte dieses Motto. Jede Nummer im Programm darf machen, was sie will. Alles wird akzeptiert. Das gibt Freiheit, sich auszuleben auf der Bühne auszuleben. Und überhaupt: Sehr viele Mädchen und Frauen machen mit, das gibt Programm und Verein das Schleifchen am Ernst des Lebens.
Jedes Jahr wird fünf Mal das Programm gegeben, einmal wird Kinderfasching gefeiert und am Rosenmontag feiert der Verein ganz in Familie. Am Nachmittag laden die Wirtsleute zur Rosenmontagparty.
Was war dieses Jahr ein Hit? Eigentlich alles auf der Bühne: Die Tanzformationen, beim Kinderfasching: Tanzbienchen und Kindergarde. Und für Erwachsene: Grüne Garde, zwei Tanzmariechen, Rote Garde, Showgirls, Damenballett und Männerballett. Garden und Tanzmariechen machen den Fasching zum Carneval, zünden Feuerwerke und kombinieren ihre klassischen Schritte immer wieder neu und explosiv. Den Knaller lieferte die Rote Garde mit ihrem synchronen Stampfer. Der Holzboden der Bühne wurde Akteur.
Die Showgirls gaben ein geniales ABBA-Medley, in sexy kurzen blauen Sternenkleidchen und Engelslocken in langen Haaren. Das Publikum reißt die Augen auf und träumt. Ehefrauen knirschen mit den Zähnen. Zugabe, Zugabe. “ABBA ist für jede Altersgruppe”, sagt Showgirl Anne Dietz.
In roten Anzügen mit Fransen tanzte das Damenballett zu heißen Zumba-Rhythmen. Zumba stammt aus Kolumbien und zündet südamerikanische Tänze zu einem heißen Mix. Die tanzenden Damen wirkten wie Flammen. Sie loderten. Die Herren im Publikum brannten. Die Tänze von Showgirls und Damenballett sparten den Wirtsleuten Mario und Anja Kühnert gewaltig die Heizkosten.
Als Tanzmariechen glänzten synchron: Klara Stollberg und Lina Ackermann. Sie trainieren sich selbst. Trainerinnen der Tanzformationen waren Karo Schill, Julia Rauch, Anja Stollberg und Anja Pickel. Rote Garde, Showgirls und Damenballett trainieren sich selbst. "Es war wie ein Freundinnenabend", sagte mal Vanessa Stöhr als Showgirl zu solchen Proben.
Anja Pickel und Heiko Tautor trainierten das Männerballett. Im Video traf jeden Ballett-Mann ein Pech-Maleur. Da half und tröstete eine Flasche Bier. Gerd Pickel war mit Gerstensaft zur Stelle. Das wurde dann getanzt.
Das Playback entführte in den italienischen Pop und Schlager der 1980er-Jahre bis heute. Da wurden Erinnerungen aktuell und Hunger groß auf Antipasti und Chianti an der Adria. Er schmetterte vom Band La Donna e mobile. Grandios brachte Florian Schneegaß als Operntenor eine Pizza in den Saal. Er schmetterte vom Band: La donna è mobile. Wie immer wurden beim Playback die Kopien origineller als die Originale. Auf jeden Fall passender zur Bühne in Niederdorla.
Die Bütten sind beim NCC lustige Dialoge, so zwischen den beiden 10-Jährigen Anton Stollberg und Lennard Apel als Bauern. Die beiden spielten mit Klischee und Wirklichkeit von Landwirten. Lukas Götz und Luis Klemm gaben den Arzt und Hannibal "The Cannibal" Lecter.
Der erfahrene NCC-Recke Ronny Stollberg nahm Florian "Schneegie" Schneegaß mit in die Bütt. Premiere! Als Feuerwehrleute tauschten sie sich aus über Lustiges im Dorf seit dem vorigen Fasching. So geht Kirmespredigt zum Carneval, auch eine Art Chronik des Dorfes.
Zum zweiten Mal freute sich das Publikum in Niederdorla UND Langula auf den genialen Blödsinn der Vogteier Michael Böhm und Robert Lauberbach. Als Fußballer brachten beide mit Reimen und Singen das Publikum zum Kreischen. Volltreffer auf Volltreffer, jeder Witz ein Tor.
Und nun zur Musik: Die ist beim NCC meist live. Yellow, die Band hockt im Kabuff neben der Bühne und begleitet das Programm. Das gibt dem Programm musikalische Wucht und Power und eben die Live-Atmosphäre für den Saal. Der Narhallamarsch und der Tusch live, das ist was. Live singen und spielen das NCC-Trio und die Fasching-Band Adipös. Jörg "Bobby" Wendemuth spielt mit bei Trio und Adipös. Zum Trio gehören weiter Ludwig Götz und Sören Zilling, zu Adipös an den Instrumenten Andrea Wendemuth und Robert Lauberbach und erstmals als Sprecher Michael "Mize" Zeng. Donnerwetter.
Das Trio sang über das Schlafbedürfnis älterer Männer: Sechs bis acht Stunden Schlaf sind nötig. Wahrscheinlich, um lange träumen zu können: Die Trio-Herren zeigten dem Publikum ihre elektronische Traumfrau. Eine KI half beim Träumen. Zwei gewaltige Gründe sprachen für die junge Frau im Video. Das böse Kopfschütteln der Gattinnen wurde im Video dokumentiert.
Videos ergänzen beim NCC das Bühnenprogramm genial. Es entsteht ein Dialog zwischen Bühne und Video. Vater André und Sohn Leon Muder sind aktuell die Meister der Kamera. Heiko Tautor und Sohn Niklas meistern die Vorführtechnik.
Adipös sang über fehlendes Bier, eine lustige Flugreise und das Leben 66-jähriger Männer. Albert Hammond, Otto Waalkes und Udo Jürgens grüßten. Mize Zeng blies in der Vorstellung des Publikums den Marsch “Alte Kameraden” auf dem Kamm. Seiner Neigung entsprach allerdings eher, AC/DC per Triangel zu interpretieren, aber die lange Version. Das traute er sich in der fünften Vorstellung.
Und nun liebe Leute kommen wir zum Höhepunkt am Carneval-Mittelpunkt: Karo und Bobby sind eh schon Fix-Sternchen am Fasching-Himmel. Dieses Jahr tauchten beide den Schenksaal in gleißendes Show-Licht. Was passierte auf der Bühne? Fragen wir Bobby: "Das war ein Musik-Kabarett mit Klavier und Gesang. Die Geschichte geht so: Klavierspieler und Sängerin kennen sich seit Jahren. Sie verloren sich aus den Augen, trafen sich hier zufällig wieder. Es kommt zu Tage, Melanie ist sehr verliebt in Bobby. Melanie singt für Bobby ihr Herz leer. Er übersetzt live am Klavier ihren französischen Gesang. Dabei merkt er, was abläuft..., etwas spät, er ist ein Mann.
Hier müssen wir schildern, was im Saal passiert: Volle Konzentration. Eine fallende Stecknadel hätte gescheppert. Auch der ganze NCC sammelt sich im Saal. Alle wollen das sehen.
Zurück zur Bühne. Melanie singt ihre ganze Liebe. Das kann doch nicht sein, dass von diesem Kerl nichts zurückkommt. Melanie wird langsam wütend. Melanie schwankt stimmlich zwischen beleidigt sein und alles auf eine Karte setzen. Sie räkelt sich auf dem Klavier. Das Publikum erkennt die Bedeutung des Wortes "lasziv". Die Fenster im Saal beschlagen. Melanie geht aufs Ganze. Ihre Lippen kommen den Lippen Bobbys näher, näher, näher. Die Herren im Saal lockern die Schlipse. Die Frauen schweigen starr. Melanies Lippen kommen näher... Die Luft zündet rosa. Es brennt. (...) Das Publikum vergisst zu atmen.
Und Bobby? "Sie bekommt eine Abfuhr", stellt er fest. Das Publikum jault auf. Das Klavier bauten Marko Ludwig und Michael Schulz. Der Gottvater des NCC-Fasching, Siegmar Zenge, schwieg endlich mal und hatte Tränen in den Augen: “Das gibt´s doch nicht.”
Im Hintergrund wirkte Jens Ackermann als Regisseur. Mit Jens Rauch gehört er zum legendären Ansager-Duo, den JeyJeys. Als kongeniale Ergänzung dazu kam André "Schmul" Muder vor einigen Jahren. Dieses Jahr gaben Hannes Hochheim und Leon Muder ihre Premiere als Ansager. Sie führen auch durch den Kinderfasching.
Beim Schunkeln nach der Pause waren also fünf Ansager auf der Bühne. Zum Ansagen gehört immer ein gespielter Witz der Ansager. So sprang 63 Jahre nach Marilyn Monroe im berühmten weißen Busen-Kleid Jens Ackermann aus der NCC-Geburtstagstorte. Die Maske von Nancy Kanngießer und Gabi Abe brachten ihn, äh, nahe an Marilyn ran.
Als Helfer oder "Kanoniere" hinter und auf der Bühne wirkten Patrick Halfpap und Michael Schulz.
Am Rosenmontag wurde das neue Prinzenpaar bekannt gegeben: Kathy I. und Jens III. Uff, ich habe es geschafft, ich sollte Jens Ackermann 67 Mal im Text erwähnen.
Jeder Fasching wäre einen Roman wert. Zumindest eine Liste ALLER Mitwirkenden vor, hinter und auf der Bühne und im Vereinsheim. Auf der Liste stehen müssten alle Mädchen und Frauen in den Tanzformationen, aber auch die Großeltern, Eltern, Partner, die die Akteure unterstützen, zurückstecken und anerkennen, Fasching ist die fünfte Jahreszeit: Ein extra Leben mit Konfetti im Haar und Niederdorla Helau.
Verantwortlich für Inhalt, Form und Fotos: Michael "Mize" Zeng
in Abstimmung mit dem Vorstand des NCC.